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Methodische Probleme der Befragung

Befragungen sind eine Form der Datenerhebung. Sie bringen methodische Probleme mit sich. Diese Probleme werden dir im Folgenden vorgestellt.

Die methodischen Probleme von Befragungen lassen sich in drei Kategorien unterteilen: Die Befragtenmerkmale, die Probleme durch das Verhalten der Teilnehmenden ausmachen, Instrumenteneffekte, die Probleme am Aufbau der Fragebögen identifizieren sowie Intervieweffekte, die das Verhalten der interviewenden Person sowie den Kontext des Interviews als Störvariable in den Fokus rücken.

Kategorie Problem Beschreibung
Befragtenmerkmale Meinungslosigkeit Meinungsäußerung ohne Kenntnis des Fragegegenstands
Soziale Erwünschtheit Äußerungen werden an der vermuteten Erwartungshaltung der sozialen Umwelt ausgerichtet
Antwort-Set systematische Antwortmuster unabhängig von den Frageinhalten
Instrumenteneffekte Frageformulierung Verwendete Begriffe werden in heterogenen Konnotationen aufgefasst
Reihenfolgeeffekte Beantwortung der Frage hängt von ihrer Platzierung ab
Intervieweffekte Interviewer:inneneffekte Attribute der interviewenden Person beeinfluss das Antwortverhalten
Interviewsituationseffekte Kontext und Umfeld des Interviews beeinflussen das Antwortverhalten

Befragtenmerkmale als methodische Probleme

In der Kategorie der Befragtenmerkmale lassen sich drei Probleme ausmachen, die bei der Erstellung von Fragebögen zu berücksichtigen sind: die Meinungslosigkeit, die soziale Erwünschtheit sowie das Abgeben von Antwort-Sets.

Das Problem der Meinungslosigkeit beschreibt den Fall, dass befragte Personen Fragen beantworten, auch wenn sie keine Kenntnisse über den abgefragten Sachgegenstand haben 1). Ursächlich dafür kann sein, dass Befragte ihr Nichtwissen nicht eingestehen wollen.

Das Phänomen der Meinungslosigkeit kann bei der Konzeption eines Fragebogens berücksichtigt werden. Bei Wissensfragen kann die Ausweichmöglichkeit „weiß nicht“ zur Verfügung gestellt werden. Bei Einstellungsfragen ist dies auch möglich, sollte aber nur bei ungewöhnlichen Sachverhalten eingesetzt werden. Auch können Filterfragen eingesetzt werden. Bei allgemeinen Einstellungsfragen, bei der davon auszugehen ist, dass jede:r Teilnehmende sie beantworten kann, kann darauf verzichten werden. (Vgl. Häder 2015: 218-220)

Soziale Erwünschtheit kann bei der Beantwortung von Fragebögen in zwei Richtungen eine Rolle spielen: Antworten werden so abgegeben, wie sie mutmaßlich für sozial erwünscht gehalten werden oder es wird vermieden eine Antwort abzugeben, die für sozial unerwünscht gehalten wird. Eine Verzerrung durch soziale Erwünschtheit tritt häufig auf. So ist der Anteil der Befragten, die angeben, eine rechtsradikale Partei wählen zu wollen, stets geringer, als der Stimmenanteil, den rechtsradikale Parteien bei Wahlen erringen (Behnke 2010: 234). Es können drei Ausformungen der sozialen Erwünschtheit unterschieden werden: Ein Verhalten, dass durch die Interviewsituation ausgelöst wird, permanente Persönlichkeitsmerkmale, die beispielsweise Scham bei bestimmten Themen auslösen, und kulturell bedingte soziale Erwünschtheit durch im jeweiligen Kulturkreis geltenden soziale Normen.

Eine Möglichkeit damit umzugehen ist es, die unmittelbare Antwortabgabe zu maskieren. So kann die Frage nach dem Einkommen nicht in einer offenen Frage nach einer Summe, sondern mit einer Tabelle gestellt werden, die Buchstaben in einer scheinbar zufälligen Reihenfolge mit einer Einkommensklasse zusammenführt. Die befragte Person muss so nicht mehr eine Angabe wie „1400 Euro“ machen, sondern „Einkommensgruppe K“. Eine weitere Möglichkeit ist die Randomized-Response-Technik (Behnke 2010: 235). (Vgl. Hader 2015: 213)

Außer der Präparierung des Fragebogens zur Vermeidung einer Beantwortung von Fragen aufgrund sozialer Erwünschtheit kann auch versucht werden, den Einfluss sozialer Erwünschtheit zu messen. Interviewer:inneneffekte, Persönlichkeitsmerkmale und der kulturelle Kontext der Befragten kann zusätzlich zu den eigentlichen Fragestellungen abgefragt werden. Allerdings ist es schwierig, die Auswirkungen der sozialen Erwünschtheit zu messen, weil jeder Versuch der Messung wiederum von einer sozialen Erwünschtheit beeinflusst werden könnte.

Die dritte Problemgruppe in der Kategorie der Befragtenmerkmale sind Antwort-Sets. Befragte geben unabhängig vom Frageinhalt ihre Antworten nach einem systematischen Muster ab. Eine spezielle Variante des Antwort-Sets ist die Zustimmungstendenz, die die Neigung beschreibt, Fragen bejahend zu beantworten.

Antwort-Sets lassen sich erkennen, indem Zieldimensionen sowohl in positiver als auch negativer Richtung abgefragt werden. So kann identifiziert werden, wenn Personen die Fragestellung nicht beachten und nach einem bestimmten Muster antworten.

Instrumenteneffekte als methodische Probleme

Die Kategorie der Instrumenteneffekte lässt sich in zwei Problemfelder unterteilen: Probleme bei der Frageformulierung und Kontexteffekte.

Begriffe werden stets von Person zu Person etwas abweichend verstanden. Manche Begriffe erlauben allerdings ein besonders breites Bouquet an möglichen Assoziationen. Gerade bei politischen Fragestellungen ist die Verwendung von Negativ- und Positivsymbolen zu beobachten, die einen starken Einfluss auf das Antwortverhalten haben, da nicht auf die eigentliche Frage, sondern auf den triggernden Schlüsselbegriff reagiert wird. In das Problemfeld der Frageformulierung gehört auch die Suggestivformulierung. Auch die Erkenntnis, dass trotz logischer Äquivalenz Begriff ein unterschiedliches Antwortverhalten auslösten, gehört hierzu. Dazu gehören sachliche als auch numerische Terme. Auch unausgewogene und einseitige Fragen beeinflussen das Antwortverhalten. Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass das Angeben einer in jedem Fall vorhandenen Mittelkategorie in der Fragestellung Auswirkungen auf das Antwortverhalten haben kann.

Das zweite Problemfeld der Instrumenteneffekte sind Kontext- oder Reihenfolgeeffekte. Diese lassen sich wiederum in zwei Effektfelder unterteilen: Effekte, die durch die Reihenfolge der Fragen ausgelöst werden und Effekte, die durch die Reihenfolge der Antwortkategorien ausgelöst werden. Zunächst befasse ich mich hier mit Effekten der Fragenreihenfolge, die ebenfalls in zwei Bereiche unterteilt werden kann: Routineeffekte und Ausstrahlungseffekte. Zunächst also zu den Routineeffekten.

Die Annahme ist, dass die selben Fragen unterschiedliche beantwortet werden, wenn sie an einer anderen Stelle des Fragebogens stehen. So werden Fragen am Anfang des Fragebogens sorgfältiger beantwortet als Fragen am Ende, da noch kein Ermüdungseffekt eingesetzt hat. Auch ist bekannt, dass Fragen sensibleren Charakters gegen Ende eher beantwortet werden als zu Beginn. Man spricht vom Eingewöhnungseffekt.

Bei Ausstrahlungseffekten hat der Kontext der umstehenden Fragen Einfluss auf die Beantwortung durch die Proband:innen. Um ein im Verständnis des:der Teilnehmenden einheitliches Antwortverhalten zu zeigen, wird versucht, Fragen konsistent zu beantworten. Es entstehen Konsistenzeffekte. Kontrasteffekte dagegen führten bei den Teilnehmenden zu einer deutlichereren Wahrnehmung von Unterschieden. Wenn eine Frage mit ähnlicher Zielrichtung, aber für einen anderen Kontext zuvor beantwortet wurde, neigen Teilnehmende dazu, die Folgefrage ähnlich zu beantworten. Es findet ein Bedeutungstransfer statt.

Nicht nur die Reihenfolge der Fragen kann ihre Beantwortung beeinflussen, sondern auch die Reihenfolge der in der Frage vorgegebenen Antworten. Beim Eintreten des Recency-Effekts tendieren die Befragten unabhängig vom Inhalt der Fragen zur letztgenannten Variante (Häder 2015: 256).

Intervieweffekte als methodische Probleme

Intervieweffekte beschreiben Auswirkungen der interviewenden Person sowie des Interviewsettings auf das Antwortverhalten bei Befragungen. Bei Interviewer:inneneffekten beeinflussen Merkmale der durchführenden Person die Antworten der teilnehmenden Personen, so neigen Teilnehmende bei Sympathie für den:die Interviewer:in dazu, auch sensiblere Fragen zu beantworten.

Das Umfeld des Interviews hat ebenfalls Einfluss. So ändert sich das Antwortverhalten nachweislich, wenn dritte Personen anwesend sind.

Übersicht der methodischen Probleme bei Befragungen

Die methodischen Probleme bei Befragungen in der Übersicht
1)
In der Literatur wird teils auch der Fall, dass die befragte Person über Wissen und Meinung verfügt, trotzdem aber „Weiß nicht“ angibt, unter dem Problem der Meinungslosigkeit subsumiert. Das sehe ich allerdings eher in anderen Problemfeldern. Wenn es absichtlich geschieht bei der sozialen Erwünschtheit, wenn es durch ein Muster geschieht beim Antwort-Set.
methodische-probleme-befragung.txt · Zuletzt geändert: 2021/02/24 22:20 von eric